Legion: Zeichen an der Wand

Typografik Legion 02

Wir kennen die Bibel, nicht wahr?

Zumindest kennen wir viele ihrer Geschichten und einige Zitate sogar im Wortlaut: »Du sollst nicht töten«, »Erlöse uns von dem Bösen«, »Denn sie wissen nicht, was sie tun«. Zweifellos sind uns noch mehr Sätze geläufig, denn wir haben die Bibel im Kopf.

Die Bibel ist allgegenwärtig, wie Graffiti an den Wänden, mit dem Unterschied, dass wir die Bibel nicht sehen. Sie steht nicht im Blickpunkt, drängt sich nicht auf, obwohl es durchaus nötig wäre, unabhängig unserer Religion.

Das Ziel dieses typografischen Zyklus ist es daher, Bibelzitate mit modernen (typo-)grafischen Mitteln auszustatten, um sie auf ungewöhnliche Art sichtbar in den Mittelpunkt zu rücken.

Typografik: Erquicket meine Seele

Das Projekt begann mit einfachen Arbeiten, die wie Entwürfe aus einem »Blackbook« anmuten. Die angewandte Technik, Filzstift und Textmarker, unterstreicht dabei die typografischen Formen um ihrer selbst willen. Im Vordergrund steht allein der Ausdruck: bei »Erquicket meine Seele« Spontanität und Lebensfreude, bei »Mich dürstet« verzagende Zerrissenheit.

Typografik: Denn sie wissen nicht, was sie tun

»Denn sie wissen nicht, was sie tun« verlässt schon dieses Schema durch seine konstruierte Bandschrift: erwünscht war eine Interpretation, die diese bekannte Phrase wie fortlaufende Impulse darstellt.

Typografik: Du sollst nicht töten

Auch »Du sollst nicht töten« spielt mit seinem wörtlichen Inhalt; in diesem Fall sorgte die Buchstabenfolge für das Messermuster, das die Nachricht des Zitats hervorragend illustriert.

Typografik: Erlöse uns von dem Bösen

Eine härtere Gangart schlagen die nächsten Motive an. Schon »Du sollst nicht töten« lieferte Hinweise, was die typografische Gestaltung leisten kann.

Deshalb sehen wir »Erlöse uns von dem Bösen« auch nicht als Bitte oder flehenden Hilferuf, sondern als das grimmige Gesicht des Bösen selbst: die verhärteten, weil verzogenen und scharf eingeschnittenen Gesichtszüge des Textes zeugen von Unterdrückung. Kalt und rauh in der Farbe verdichtet sich das Bild zusätzlich in der Bildmitte.

Typografik: Wo ist den Bruder Abel?

Ebenso dicht und eindringlich ist die Frage »Wo ist dein Bruder Abel?«. Wir kennen die Kain-Geschichte und wir wissen, welcher Verdacht hinter dieser Frage steckt: hier möchte ein Vater Gewissheit über seinen zweiten Sohn erlangen, und die Eindringlichkeit verdichtet sich zunehmend über die Fragezeichen zu beiden Seiten (!), die wie Schraubstöcke den Druck erhöhen. Die Schriftzeichen sind fett und gedrängt, es gibt keinen Spielraum, keine Luft.

Farbe ist in diesem Bild nur nötig, um Licht und Akzente zu setzen.

Typografik: Wachet und betet

Auch »Wachet und Betet« zeugt von einer gewissen Vorahnung, wenn in diesem Fall Jesus entschlossen ist, die kommenden Ereignisse anzunehmen. Daher zeigt das Bild eine statische Konstruktion ohne Spielraum: ein fester Plan. Der senkrechte Pfeil ist hierbei das sinngebende Element, das diese Textform keineswegs trennt, sondern unterstützt: Das Zitat erhofft diese Kraft von oben.

Typografik: Den ersten Stein

»Den ersten Stein«, eigentlich »der werfe den ersten Stein«, verdichtet sich in Schatten und Tiefe nach innen, wodurch ein unangenehmes dunkles Zentrum entsteht. Aber darüber liegt das leuchtende, mahnende Zitat wie ein Querbalken.

Dieser Entwurf entstand zeitgleich wie das unten aufgeführte »Der Herr ist mein Hirte« und bildet zu diesem den Gegenpol.

Typografik: Eli, Eli! Lama asabtani

»Eli, Eli! Lama asabtani« zeigt eine Darstellung, die mit Graffiti eher wenig gemeinsam hat. Dieser Ausreißer im Konzept gründet auf einer eigenartigen Design-Idee. Das Jesus-Zitat (zu deutsch: »Herr, Herr! Warum hast du mich verlassen?«) wird im Neuen Testament bei Markus 15,34 im aramäischen Wortlaut wiedergegeben. Grund genug, diese Ursprünglichkeit zu imitieren.

»Eli, Eli!« ist hier wie ein großer weißer Raum gebaut, besser gesagt: dieser übermächtige Raum entsteht eigentlich nur durch seine Abgrenzung; er selbst ist nicht existent. Allein das Komma, bewusst verwechselbar mit dem hebräischen »Aleph«, formt sich plastisch heraus. (Das »Aleph« ist der erste Buchstabe im hebräischen Alphabet.)

Am unteren Rand dieses Blocks schneidet nun das hebräisch anmutende »lama asabtani« scharf in diese reine weiße Form. Dennoch: ein fast gleichmäßiges Muster, das die resignierende Isolation illustriert. Denn der eigentliche verzweifelte Anruf liegt nicht in diesem Satz.

Typografik: Mene mene tekel

Das Menetekel, eigentlich »Mene mene tekel« bildet den Abschluss dieser eindringlichen Motive. Hier finden wir ein scharfkantiges Textmuster mit geringen Unterscheidungen der Zeichenformen (schwer entzifferbar, natürlich). Gleichzeitig entfaltet sich diese Form von einem spitzen unteren Ende: hier entsteht Bewegung vor einem finsteren Hintergrund.

»Mene mene tekel« und »Wo ist dein Bruder Abel« sind übrigens die einzigen Bilder im Hochformat. Die Herkunft der Worte, sprich: das Göttliche, kommt als erhabene Gestaltung besser zur Geltung und unterscheidet sich deutlich von den anderen Zitaten.

Typografik: Noah fand Gnade

Eine bemerkenswerte Aussage findet sich im Alten Testament, als der Herr die Sintflut kommen ließ, um alles zu vernichten, »aber Noah fand Gnade«. Betrachten wir dies nicht allein als lebensrettende, sondern grundsätzlich als gute Nachricht.

»Noah fand Gnade« ist ein schöner Satz. Er ist eindeutig positiv. Und so steht er zwischen den Wellen des Bildes, strahlend, denn ihm wird eine Zukunft beschert.

Typografik: Und schämten sich nicht

Ein weiterer Satz im Alten Testament mag leicht überlesen werden: »Und schämten sich nicht«. Gemeint sind Adam und Eva in ihrer Nacktheit, und der Chronist fügt mit einem Kunstgriff diesen Nebensatz ein, der zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Bedeutung für die zwei hat. Warum hätten sie sich denn schämen sollen? Aber durch seine unheilvolle Bemerkung weist er bereits auf die Katastrophe hin, die einen Grund zum Schämen geben wird.

Bedauerlicherweise kam es, wie es kommen musste; aber die Vorstellung eines Zustands ohne Scham führte zu der leichten, anschmiegenden und auch flüchtigen Typografie dieses Zitats.

Typografik: Der Herr ist mein Hirte

Der Psalm »Der Herr ist mein Hirte« spricht von der inneren Erfüllung durch den Glauben, der die eigene Nichtigkeit überwiegt. Diese Erfüllung bauscht sich auf, möchte sich mitteilen als frohe Botschaft. Der Schriftzug selbst steht fast artig in einer langen Zeile in der Form, aber dadurch erhält das Zitat eine andauernde Aussage. Allein die umschließende Form scheint vor Liebe zu sprühen (Rot- und Magentatöne, Herzformen).

Typografik: Und es ward Licht

»Und es ward Licht« entstand zunächst als geometrisch konstruierte Textform, die zwar strahlend wie Licht erschien, aber dennoch kalt. Diese Interpretation wurde dem Zitat keinesfalls gerecht. Der zweite Entwurf ging von der Überlegung aus, welche Wirkung das Licht auslöst: nämlich keimendes, blühendes Leben; wir kennen es vom Frühling. So entstand diese organische blüten- oder tropfenartige Textform, die in üppigen Farben überzuschwappen scheint und die Finsternis verdrängt.

Typografik: Selig sind...

Ähnlich zu verstehen ist das Bild »Selig sind...« Die Aufzählung in der Bibel liefert Gründe und Beispiele für Seligkeit, aber das erschien für dieses Motiv unerheblich. Hier wird der glückliche Zustand gelebt, selig zu sein. Strahlend und dynamisch hebt sich die Textform vom nächtlichen Hintergrund ab: eine frohe Botschaft, die sich unterschiedslos an jeden richtet. So sollte Graffiti sein.

Typografik: Das Salz der Erde

Zu den eher stillen Entwürfen gehört »Das Salz der Erde«, wie schon vorher »Und schämten sich nicht«. Wie jenes zeichnet sich auch »Das Salz der Erde« durch vereinheitlichte organische Zeichenformen aus, die wiederum eine fließende Textform ergeben. Effekte sind weitgehend überflüssig, allein die Harmonie des Textmusters beeindruckt.

Typografik: Jesus

Ein eigenes Thema innerhalb dieses Projekts ist ganz sicher Jesus/Judas, also Unschuld/Schuld. Und, genau genommen, könnte die Schuldfrage ein eigenes Projekt füllen, um verschiedene Ansichten darzustellen.

»Jesus«, eine der ersten Arbeiten, ist ein plakativer Marker-Entwurf, dessen Teilflächen ein Ganzes ergeben: ein Quadrat. Fast spannungslos und ruhig, allein die Schrägstellung erregt die Aufmerksamkeit.

Typografik: Judas

»Judas?« steht jedoch unter Spannung: die scharf eingezogenen Konturen zeugen von Bewegung, das Fragezeichen erscheint sogar gegenläufig und die Farbgebung besticht durch Kontraste. Und nicht zuletzt die Textform selbst, die sich wie das Emblem eines Superhelden gibt: Judas - ein Superstar?

Typografik: Jesus - Judas

Die unterschiedliche Gewichtung der beiden Darstellungen fällt nicht gerade fair aus. (Und es müsste mehr (typo-)grafische Betrachtungen geben.) Daher entstand ein weiteres Bild, nämlich »Jesus - Judas?«, das diese beiden versteckt vereint, um aufzuzeigen, dass beide Namen, beide tragischen Figuren, im Grunde unzertrennlich sind. Versehen mit einem Fragezeichen für Diskussionen.

Typografik: Legion 05

Schließlich bleiben noch die Variationen des Projekt-Titels »Legion« zu besprechen. Oder auch nicht. »Legion« hätte ein »tag« sein können, aber der Schriftzug änderte sich mehrmals aus Spaß an der Gestaltung. »Legion« bleibt sich daher treu, denn in der Bibel heißt es dazu: »Wir sind viele«.

Die Arbeit an diesem Projekt erwies sich oft als schwierig, denn im Gegensatz zu modernem Graffiti, das häufig mit einem einzelnen Wort auskommt, mussten bei »Legion - Zeichen an der Wand« oft ganze Sätze gestaltet werden. Das schränkt die Spielmöglichkeiten mitunter schon beträchtlich ein, aber schließlich ergaben sich andere Ideen, die zwar nicht dem allgemein typischen Graffiti entsprechen, dafür jedoch mit einer eigenen, sprich: eigenartigen, typografischen Wirkung aufwarten können.